Medienguerilla 1988 – 1995

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Beginnend mit den frühen achziger Jahren des 20sten Jahrhunderts, wurde klar – die “Macht der Bilder wird immer wilder”. Nach dem der Super8 Boom der siebziger Jahre dazu führte, dass die Familienväter ihren VW – Käfer Urlaub mit Frau und zwei Kindern in monochromer Einäugigkeit durchlebten (….Auge am Sucher von früh bis spät….), wurde mit der Massenkompabilität von Video,- und Computertechnologie eine erste Stufe im, neu entstehenden, elektronischen Mittelalter erklommen. Der Mensch als labberig-wässrige Füllung von Hardware, für die er obendrein noch Unsummen bereit ist zu zahlen.

 

Mir, als Berufsnörgler und begeistertem Techniker war dies von Beginn an, als  gesellschaftlicher Rückschritt, suspekt. Technologie sollte uns erweitern bzw. Wissen und Kommunikation befreien um an neue Informationen und Erkenntnisse heranzukommen. Sie sollte nicht das klassische Abhören und kalte-Kriegs-Spionage/Kontrollabbilden von Allem und Jedem in Grenznähe (welche Grenzen auch immer) erweitern. Außerdem schaffte es die Menschheit immer wieder großartige technologische Innovationen zu „vergurken“. Die damaligen Monopole der Telekommunikationsgiganten Westeuropas und ihre Entwicklungshoheit im Informationstechnologiebereich waren Bremsklotz und Manipulationsmaschine zugleich. Die heraufdämmernde Privatisierung von Technologieentwicklung, in den USA, mit Microsoft und Macintosh ließ Schlimmes für die Zukunft ahnen, hatten doch Steve Jobs und Bill Gates mit ihrem Diebstahl des Atari Graphical User Interfaces bereits bewiesen, dass der Zug in Richtung Datenwegelagerei und Ideenraub ergo in eine Zukunft des “Rechtes des Stärkeren bzw. Skrupelloserem” abgefahren war. Silicon Valley war von Anfang an Silicon Hell, Informatiksklaven die bis zum Herzinfarkt und totalem Burnout, für letztlich virtuelle Firmenanteile, schufteten entsprachen 1988  nicht dem Bild einer zivilisierten Gesellschaft, sondern erinnerten eher an das finstere, europäische Mittelater  ……

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Der Medienguerilla-Anzug sollte diese offensichtlichen Widersprüche aufarbeiten und transparent machen. Aufgerüstet mit Videokamerahelm, Piraten UKW Sender, CB-Funkstrecke und Audioumgebungsaufnahmegeräten schlendert der Träger durch urbane Umgebung, stört bzw. überlagert UKW Radio mit eigenen Sendungen – konnte mit Basisstationen in Verbindung bleiben, sniefte Polizei und Feuerwehrfunk aus, dokumentierte Bild und Ton in unmittelbarer Umgebung und blieb durch den Kamerahelm anonym gegenüber den, ersten im öffentlichen Raum deponierten, Überwachungskameras.

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Da das aufkommende Internet, ob seiner Kopierbarkeit bzw. Anfälligkeit für jegliches Mithören und Zuhören, von Beginn weg – nicht geeignet dazu war eine abhör,- bzw. manipulationssichere Kommunikationstechnologie zu werden, entwickelte NurSchrec! Medienguerilla das Konzept “Non Host-Radio Version”. Compterterminals wurden nicht über die Telefonleitungen vernetzt und von einzelnen Servern/Hosts bedient, sondern tauschten die Datenpakete mittels CB Funk-dem damaligen PacketRadio aus. Relativ einfach konnte so eine Art “dynamische Kryptografie” die gesendten Informationen anonymisieren und “wahre digitale Freiheit” erreicht werden. Anlässlich der ARS Electronica 1995 an sechs Standorten wurden IRC-Terminals installiert auf denen sicherer Chat und Infoaustausch möglich waren.Die Künstler-Techniker,  Mex Tremel und Michael Pointner errichteten und betrieben das System während des gesamten Festivals auf Grundlage des Medienguerilla Konzeptes aus den späten Achzigern. Heute, 2013, sollten wir darüber nachdenken ob diese verteilte, elektronische Informationspolitik nicht ein Weg wäre, die umfassende Zukunftskontrolle durch “the digital stupid” zu brechen.

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Aus dem Medienguerillakonzept wurden dann noch einige andere NurSchrec-Projekte abgeleitet, von Drohnenforschung über Public Access für lau – bis VR Netzaugen-Telerobotic, aber das sind andere, uralte Geschichten……

 

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2 Kommentare zu Medienguerilla 1988 – 1995

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